Sprachreflexion von der Wiener Moderne bis heute

Sprachskepsis und Sprachkritik – Merkmal österreichischer Literatur

Kann man in der Sprache die Welt abbilden? Die Reflexion darüber wird in Österreich um 1900 aktuell. Ein Beispiel ist der berühmte Chandos-Brief von Hofmannsthal.

1902 verfasste Hugo von Hofmannsthal den berühmten „Chandos-Brief“, in dem der fiktive Verfasser über die Unmöglichkeit sinniert, mit Worten das zu sagen, was er erlebt. Diese Reflexion ist typisch für die Wiener Moderne. Auch nachfolgende Generationen sahen sich der Schwierigkeit ausgesetzt, mit Worten die Wirklichkeit abzubilden. Ein Resultat der Auseinandersetzung mit Sprache war letztendlich die Verweigerung, einen sinnvollen Text zu erstellen. Die Sprache wurde nur noch als selbstreferenzielle Form begriffen und verwendet. Übrig blieb das Experimentieren mit dem Klang von Worten, wie es im Dadaismus und später, ab 1954, in der sogenannten Wiener Gruppe betrieben wurde.

Die Unzulänglichkeit der Sprache

Zuweilen wurde die Unzulänglichkeit der Sprache auch innerhalb der Romane thematisiert und umgesetzt. Das brachte die Auflösung und Zerstückelung von Handlung mit sich. Durch die Darstellung einzelner Bruchstücke persönlicher Wahrnehmung hofften die Autoren, ein möglichst ehrliches Abbild der Wirklichkeit zu erlangen. In diesem Sinne bildete Konrad Bayer, Mitglied der Wiener Gruppe, in seinem Roman „Der sechste Sinn“ (1966 posthum erschienen) nurmehr eine Struktur heraus, die die Beliebigkeit und Austauschbarkeit von Textstücken zum Prinzip hat.

Wiener Gruppe und Grazer Gruppe

Auf die „Wiener Gruppe“ folgte die „Grazer Gruppe“, deren Mitglieder den sprachkritischen Ansatz weiterpflegten. Zu ihnen gehörten Peter Handke, Gerhard Roth, Elfriede Jelinek und andere. Sie versuchten auf jeweils eigene Weise, Innerlichkeit nach Außen hin sichtbar zu machen. Das Resultat: zerstörte Sinnhaftigkeit, zerstückelte Handlung, Einzelteile defekter Wahrnehmung. Die Fähigkeit, eine Geschichte zu erfinden, ging scheinbar endgültig verloren. Das Ich halte sich nicht mehr in der Geschichte, sondern die Geschichte halte sich im Ich auf, konstatiert Ingeborg Bachmann 1960 in ihrer Frankfurter Vorlesung. Das schmerzempfindliche Ich ihres Romans Malina ist unter dem zerstörerischen Einfluss von Welt und Sprache zerbrochen. Hier kommt die Erfahrung von Faschismus und Krieg hinzu, die es der Autorin nahezu unmöglich macht, sinnvoll und zusammenhängend von der Welt zu erzählen, da es eine solche Welt nicht mehr zu geben scheint.

Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard

Ähnliches kann für andere Texte gelten. Die Romane Elfriede Jelineks oder Thomas Bernhards beispielsweise geben ihre Handlung zu Gunsten der Darstellung von Schmerz und Zerstörung über weite Teile auf. Bei Bernhards Roman „Verstörung“ von 1967 wird dem Leser die Aufgabe zuteil, einem wirren, auf innere Handlung gerichteten Gedankengang zu folgen. Noch drastischer manifestiert sich der Schmerz bei Jelinek. Sozialer Missbrauch am Individuum hat hier sexuell-krankhafte Auswüchse zur Folge. Im Roman „Die Klavierspielerin“ (von 1983) sucht Jelinek zur Beschreibung dieser Auswüchse Wörter und Bilder außerhalb des gängigen Vokabulars, wodurch groteske Lesemomente entstehen.

Soll Literatur Wirklichkeit abbilden?

Hinter der beschriebenen Sprachskepsis steht die unformulierte Annahme, dass Literatur die wirkliche Welt abbilden muss, dies aber nicht leisten kann. Die daraus entstandene avantgardistische Literatur begreift sich daher nur noch als selbstreferenzielles Medium. Immer häufiger jedoch wird mit dieser zur Tradition gewordenen anvantgardistischen Auffassung gebrochen: Viele junge (österreichische) Autoren besinnen sich auf eine neue „alte“ Form des Geschichtenerzählens. Sie operieren in ihren Romanen mit fiktiven Welten, die keinen Anspruch auf Wirklichkeitsabbildung haben und daher die Thematik der Sprachkritik nicht mehr berühren. Als Beispiel hierfür sind Thomas Glavinic, Paulus Hochgatterer oder Daniel Kehlmann zu nennen.

Jasmin Hambsch, Jasmin Hambsch

Jasmin Hambsch - Studium der Fächer Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Pädagogik. Promotion im Fach Literaturwissenschaft. ...

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