Widerspricht sich dieser Begriff nicht selbst, Magischer Realismus? Kann eine Darstellungsform zugleich realistisch und verzaubert sein?
Die Begründer dieses Begriffs hielten das Oxymoron für eine treffende Bezeichnung, um eine Kunst und Literatur zu benennen, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand. Der Kunsthistoriker Franz Roh benutzte erstmals 1923 diesen Begriff, um jene Kunstwerke zu beschreiben, die er auch nachexpressionistisch nannte. Dem ekstatischen Pinselstrich, der dynamischen, großformatigen, das Objekt unterdrückenden Malweise des Expressionismus folgte eine nüchterne, das Objekte wieder verdeutlichende Malweise. Dabei werden die nüchtern und realistisch dargestellten Objekte oder Personen in einen geheimnisvoll wirkenden Bezug zum Bildhintergrund gestellt. So entsteht die Einbindung des Subjekts in einen großen metaphysischen Zusammenhang; in eine Welt magischer Gesetze und verlorengegangener Weisheit. Als exemplarisches Beispiel nannte Roh Karl Haiders „Herbstlandschaft“.
Weimarer Republik: Suche nach neuen Werten
Die Suche nach diesem Verlorengegangenen ist Roh zufolge auch der Entstehungsgrund des Magischen Realismus. Nach einer Zeit des Umbruchs, der Erschütterung sozialer und politischer Verhältnisse während der Weimarer Republik, tritt der Maler als Verkünder einer vergessenen Weisheit hervor, die neues Vertrauen in das Leben herstellen soll.
Magischer Realismus in der Literatur
Unabhängig von Franz Roh entwickelt auch der italienische Schriftsteller Massimo Bontempelli drei Jahre später, 1926, in der Zeitschrift „900“ den Begriff des Magischen Realismus, um ein ästhetisches Programm für die Literatur seiner Zeit zu formulieren. Dass der Begriff an verschiedenen Stellen unabhängig voneinander entwickelt wurde, bekräftigt die Theorie, dass jene magischen, mythischen Elemente durch die geistesgeschichtliche Situation der Zeit provoziert wurden. So forderte Bontempelli, dass durch das Finden neuer Mythen eine Literatur entstehen sollte, die das zerstörte Ordnungssystem nach dem Ende des 1. Weltkrieges zu ersetzen vermöge. Die Welt hinter den Dingen wurde in literarischen Arbeiten dieser Zeit fortan wichtig. Hinter der Alltagswelt wurden tiefere Schichten sichtbar: Geheimnisse und Abenteuer, Rätselhaftes und Unerklärliches wurde in die Romanhandlungen integriert. Dieser Erzählstil besteht bis heute.
Daniel Kehlmann und andere Vertreter des Magischen Realismus
Als Vertreter des Magischen Realismus werden häufig Hermann Kasack, Elisabeth Langgässer, Ernst Kreuder und andere genannt. Teilweise auch Ernst Jünger und Günter Grass. Die Definitionen des Begriffs variieren zum Teil stark. Als einer der prominentesten Vertreter derzeit ist Daniel Kehlmann zu nennen.
Der Magische Realismus fand nach seiner Entstehung schnell den Weg nach Lateinamerika, wo er bis heute ein weit verbreiteter Erzählstil ist. Der Grund für die rasche Aufnahme und theoretische Diskussion hängt mit der Tatsache zusammen, dass in Ländern wie Peru Mythen und Aberglauben auch heute noch sehr viel stärker in die Alltagswelt integriert sind. Gabriel García Márquez‘ und Isabel Allendes Literatur zeugen davon. Auch in Belgien, Schweden und Dänemark fanden und finden sich namenhafte Vertreter.
Unterschied: Magischer Realismus und fantastische Literatur
Die Intergration von unerklärlichen und metaphysischen Momenten rückt den Magischen Realismus in die Nähe der fantastischen Literatur. Tatsächlich sind die Begriffe jedoch deutlich voneinander abzugrenzen. Der Magische Realismus integriert Übersinnliches, Rätselhaftes oder Geheimnisvolles in eine alltägliche Erfahrungswirklichkeit, ohne diese aufbrechen zu wollen. Der Leser gerät dadurch niemals in eine „Schocksituation“, wie sie die Fantastik hervorbringt. In der Fantastik wird durch unerklärliche Vorkommnisse das bestehende Ordnungssystem durchbrochen, die Sicherheit der Welt geht verloren. Während der Leser Magie und Zauberei im Märchen als Teil eines Realitätssystems problemlos akzeptieren kann (ähnlich auch im Magischen Realismus), wird ihm in fantastischer Literatur ein solches System verweigert – er trifft auf ein sogenanntes „Nichtsystem“. Aufgrund der Informationen aus dem Text kann er hier nicht mehr entscheiden, ob das Beschriebene eine Täuschung, ein Traum, eine Drogenhalluzination oder „wahr“ ist.
